
»Es gibt keine festen
Regeln für die Wahl des Schlachtfeldes. Es gibt keinen Ort an
dem man nicht kämpfen kann und man kann überall eine Schlacht
führen.«
Sun Tzu - die Kunst des
Krieges
Wenn der Herbst in den nordlichen Landen, am Fuße des
Weltengebirges, langsam Einzug hält, beginnt eine, sich
alljährlich widerholende, Zeit des Umbruchs und der
Ungewissheit. Ungewiss, ob man diesen Winter überleben wird.
Ungewiss wie lange er dieses Jahr anhalten wird. Und wenn das
erste Blatt vom Baum fällt, beginnt die Zeit des Umbruchs.
Dies ist die Zeit der Eisplünderungen. Wenn die Völker des
Nordens in wagemutigen Verbänden über das gefrorene Meer
marschieren und in den Reichen der Menschen rauben, plündern
und morden.
Wenn die Zeit des Wandels eingeläutet wurde, und der Herbst das
Land zu erobern beginnt, beginnen die Küstenstämme mit ihren
Vorbereitungen für die Raubzüge im kommenden Winter. Denn
anders, als in den anderen Reichen der Menschen, wo der Winter
eine Zeit der Regeneration und Instandhaltung ist, gilt der
Winter im Norden als Verbündeter im Kampf. Die großen Reiche
haben nicht genügend Soldaten um alle Küstengebiete zu
schützen, und gerade im Winter ist die Zeit gekommen sich um
Haus und Hof zu kümmern und nicht auf gefrorenen, eisigen
Feldern auf einen Feind auf den Norden zu warten. Indes
erkunden die Stämme des Nordens die Küsten der südlichen Reiche
mit ihren Schiffen und spähen lohnende Ziele aus. Die
wichtigsten Faktoren hierbei sind natürlich die zu erwartende
Beute, sowie der zu erwartende Widerstand. Und wenn die Risiken
und der Lohn gegeneinander abgewogen wurden, fällt die
Entscheidung. Im Zuge dieser Fahrten, richten sie auf den
Inseln, welche auf dem Weg zu den auserkorenen Zielen liegen,
verborgene Lager ein. Sie verstecken Vorräte, Waffen, Proviant
und Feuerholz. Denn die Reise über das Eis ist beschwerlich und
jede Last, die sie mit sich führen, erschwert diese umso mehr.
Zudem bereiten diese Männer auch ihren Körper auf diese kräftezehrenden und waghalsigen Plünderungen vor und nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Wie ein Bär, der sich auf den Winter vorbereitet, bereiten auch diese Krieger sich stoisch auf den Winter vor. Und wie der Bär beginnen auch sie sich intensiv zu ernähren. Ihre Ernährung besteht vor allem aus fettreichen Lebensmitteln wie Fisch, Fleisch und Käse, um sich mit einem Fettpolster für die bevorstehenden Strapazen zu rüsten. Dieses Fett dient nicht nur als Energiequelle, sondern schützt sie auch vor der Kälte und dem extremen Stress der Wanderungen, bei denen sie oft große Entfernungen in eisigen Bedingungen zurücklegen müssen.
Auf ihrem Weg über das Eis, ernähren sie sich überwiegend durch
Trockenfleisch, Kleiebrei und Fisch. Den Fisch fangen sie
direkt auf dem Eis, indem sie Löcher in die Eisdecke schlagen
und Eisfischen. Das geschlagene Eis dient sogleich auch als
Wasserquelle, da der Salzgehalt in gefrorenem Wasser sehr
niedrig ist, und die Wasser der nördlichen Schwertschneise über
einen erhöhten Mineralgehalt verfügen.
Mit kräftigen und ausdauernden Kaltblüter Pferden ziehen sie
ihre Vorräte und Ausrüstung über das ewige Eis. Wer nicht mehr
laufen kann, wird von den Pferden getragen, oder den Schlitten
gezogen. Nur die Starken überleben diese Wanderung. Und nur wer
stark ist, ist auch würdig!
Außerdem jagen sie Eiswölfe und verpaaren diese mit ihren
Schlittenhunden, um die Robustheit der Wölfe und die Zähigkeit
der Hunde zu verschärfen. Diese Tiere verfügen über eine
unglaublich hohe Ausdauer und können oft Tage ohne Nahrung
ausharren. Dies macht sie zur perfekten Waffe für die kommenden
Raubzüge, zudem sind sie hervorragende Bluthunde. Denn wenn die
Wolfshunde, nach Tagen des Marschierens - ausgehungert und
voller Adrenalin - auf verzweifelte Verteidiger gehetzt werden,
gibt es nichts mehr, was diese Tiere von ihrer Beute abhalten
kann. Die Wolfshunde ziehen in großen Gespannen die Schlitten,
helfen bei der Aufspürung von Beute und kämpfen bis zum Tod.
Und auch wenn diese Wolfshunde unglaublich treue und stolze
Tiere sind, so bewerten die Eisplünderer ihre Verluste als ein
pragmatisches, notwendiges Übel. Nicht jedes dieser Tiere
überlebt die harte Wanderung. Und jeder Verlust wird
gleichermaßen betrauert wie als gegeben hingenommen. Leben und
Tod sind ein steter Kreislauf. Wer Leben nimmt, muss Leben
geben, dies sind die Weisheiten des Nordens. Und jeder Verlust
auf dieser Reise, erleichtert die Heimkehr. Denn jedes Maul
weniger, dass es zu stopfen gilt, bedeutet auch weniger
Proviant, den es mitzunehmen gilt. Dieses pragmatische Vorgehen
spiegelt die harte, aber notwendige Natur dieser Krieger wider,
und den unbarmherzigen Kreislauf des Lebens.
Da die Zeit des Wintereinbruchs keinen festen Regeln folgt,
sind die Stämme bereits für den ersten Schnee gewappnet, sobald
das letzte Blatt von den Bäumen, und die ersten Schneeflocken
fallen. Sobald das Meer zu gefrieren beginnt, beginnt der
Aufbruch. Und sobald das Eis stark genug ist um selbst die
schweren Pferde tragen zu können, wagen sie sich auch schon auf
das Eis. Denn der Überraschungseffekt ist stets dann am
effektivsten, wenn die Menschen der südlicheren Küsten noch
nicht mit einem Angriff rechnen.
Diese Plünderungen ziehen sich oft über den ganzen Winter, und
manche Fahrten dauern mehrere Wochen lang an. Besonders
wagemutig und beschwerlich sind die Plünderungen in den Westen.
Hierbei überqueren sie die gesamte Schwertschneise entlang der
zugefrorenen Wasserfälle. Doch diesen Weg schlagen nur die
hartgesottensten und wagemutigsten dieser Krieger ein. Denn die
Reise ist bedeutend gefährlicher und der Weg bedeutend
beschwerlicher. Es gibt auch deutlich weniger Inseln auf diesem
Weg, um dort Rastplätze einzurichten. Jede Plünderung in den
Westen bedarf einer strengen Führung und einer umsichtigen
Planung. Doch der Lohn ist dafür bedeutend
beträchtlicher.
Plündererverbände bestehen in der Regel aus dreißig bis fünfzig
Kriegern und ihrer Pferde und Wolfshunde. Größere Verbände sind
langsamer, benötigen mehr Vorräte und sind weniger
anpassungsfähig wenn es zu unerwarteten Schwierigkeiten kommt.
Doch an den Märschen in den Westen sind oft bis zu dreihundert
Männer beteiligt, da die Küsten der westlichen Schneide
unwirtlich und gefährlich sind. Der Schlüssel zum Erfolg liegt
hierbei in der Autonomie der einzelnen Verbände. Sie reisen in
kleinen, autarken Gruppen - die jede für sich selbst
verantwortlich ist - und rotten sich erst zu einer großen
Schlachtlinie zusammen, sobald sie ihr Ziel erreicht haben. Um
in geballter Mannstärke den Feind zu überrennen, an sich zu
raffen, dessen sie habhaft werden können, und anschließend zu
verschwinden, bevor Verstärkungen eintreffen, die ihnen den
Rückweg abschneiden könnten.
Alles in Allem spiegeln die Zeiten der Eisplünderungen sowohl
das raue und unbermherzige Leben im Norden, als auch die
erbarmungslose und gnadenlose Wut des Winters hervorragend
wieder. Nicht umsonst ist der Winter die härteste Zeit des
Jahres. Und die Stämme des Nordens verleihen dieser Härte eine
völlig neue Bedeutung! Viele Versuche der südlichen
Königreiche, den Krieg in den Norden zu tragen, die Stämme in
die Knie zu zwingen und den Plünderungen ein Ende zu bereiten,
scheiterten. Das Land ist unstet, die Küsten unwirtlich. Man
läuft jederzeit Gefahr auf dem schroffen, felsigen Grund
aufzulaufen, oder eine völlig unbewohnte Region vorzufinden. In
den südlicheren Gebieten gibt es sumpfige Moore und Flusslande.
Im Norden beherrschen Fjorde und Gletscherspalten die Küsten.
Der Norden kann nicht erobert werden. Der Norden beugt sich
niemals. Du kannst den Norden nicht brechen, und wenn du es
versuchst, dann bricht er dich! Und jeder Versuch der südlichen
Reiche den Norden zu erobern führte stets dazu, dass der
Hammerschlag im Winter umso härter ausfiel. Wenn nicht nur
Hunger und Überlebenswille, sondern die brennende Wut und das
ungezügelte Verlangen nach Vergeltung die Männer aus dem Norden
antreibt. Dann peitschen sie den Tod vor sich her, und
hinterlassen nichts als verbrannte Erde, Schutt und Asche.
