Jenseits des Diesseits

Die Nebellande

Néhliaë - Die ewigen Nebellande

»Die Pfade sind verborgen, die Lande in Schleier gehüllt. Weh dir Wanderer, du bist verloren, wenn dies Land dein Herz erfüllt.«
Vergessene Bruchstücke aus den Weissagungen des weisen Deóniel.

Die Nebellande

Im Süden der Welt, dort, wo die Karten enden und das Meer den Horizont verschluckt, liegen die Nebellande – ein Reich, das keinem König gehört und keinem Gesetz gehorcht. Tag und Nacht webt sich dort ein endloser Schleier aus Grau und Schweigen durch die Ebenen, über die Wasser, durch die Bäume. Kein Sonnenstrahl durchdringt ihn, kein Wind vermag ihn zu zerreißen. Der Nebel ist dort kein Wetter. Er ist ein Wesen.

Seefahrer erzählen von flackernden Lichtern, die im Dunst tanzen, von Stimmen, die aus dem Nichts flüstern, und von Gestalten, die schemenhaft zwischen den Schwaden lauern. meerjungfrauen in der meerenge wo die nebel aufhörenManche schwören, sie hätten dort Schiffe ohne Segel treiben sehen, bemannt von Mannschaften ohne Gesichter. Andere berichten von Glocken, die aus der Tiefe des Nebels läuten, obwohl kein Land und keine Kirche je dort stand.

Wer in die Nebellande reist, kehrt nicht zurück. So sagt man. Kein Segel, das sie durchstoßen hat, tauchte je am nördlichen Horizont wieder auf. Kein Reiter, kein Kundschafter, kein Narr mit wilder Neugier. Nur das Schweigen bleibt – und der Nebel, der sich alle Namen einverleibt.

Im Winter werden die Nebellande unruhig. Ihr Atem wird länger, ihr Griff kälter. Dann kriechen ihre Ausläufer wie Finger über die südlichen Küsten, winden sich die Täler empor und legen sich wie ein Tuch aus Vergessen über Dörfer und Wälder. Bauern in den Grenzlanden schlagen dann Kreuze aus Eisen über ihre Türen, binden ihre Kinder fest an die Schwellen, damit sie dem Ruf des Nebels nicht folgen. Denn es heißt, der Nebel locke. Und wer ihm folgt, wird vergessen.

Alte Weisen und törichte Priester flüstern, dass in den Nebellanden die Götter wohnen. Nicht die zahmen Götter der Tempel, sondern die Alten – jene, deren Namen aus Granit und Blitz geformt sind. Dort, heißt es, stiegen sie in die Welt hinab, in jenem fernen Zeitalter, als die Erde noch jung war. Und dorthin seien sie zurückgekehrt, in jene Tiefe aus Dunst und Schweigen. Doch niemand kann es beweisen. Denn keiner, der sich aufgemacht hat, das Herz des Nebels zu suchen, hat je seine Stimme zurückgebracht.

Ein altes Lied, das in den Tavernen der Nordlande manchmal noch gesungen wird – leise und nur, wenn das Feuer tief genug brennt –, erzählt von einem Mädchen, das dem Nebel begegnete. Es sei mit ihm gegangen, barfuß, ohne Angst, und habe mit ihm getanzt bis zum Morgen. Seitdem träume jedes Kind, das an jenem Fluss geboren werde, von einem Ort, den kein Mensch kennt – einem Reich aus fließendem Licht und lautlosem Schlaf.

Die Nebellande sind kein Ort auf einer Karte. Sie sind ein Echo. Ein Versprechen. Eine Warnung.

Der Weltenbaum Néhlia - Das Tor zur Anderswelt

Tief in den Nebellanden steht einer der großen Weltenbäume - Néhlia - der Baum der Erinnerung und des Vergessens. Wer in der Nähe dieses uralten Baumes verweilt, kann eine uralte Macht spüren. Eine Macht die Demut und überwältigende Ehrfurcht auslösen kann. Umgeben vom ewigen Nebel dieser Lande, zeitlos und unendlich ewig. Dieser Baum ist das Tor in die Anderswelt. Doch die verschlungenen Pfade sind, von Nebeln und dem uralten Schleier der der Ewigkeit, verborgen. Nur jenen, die den Nebel dieser Lande zu durchschreiten vermögen ohne dem Wahnsinn anheim zu fallen,  öffnet sich der geheime Pfad in die Welt zur anderen Seite. Allen anderen bleibt dieser Pfad verwehrt und sie streifen ziellos umher, zu ewigem Vergessen und Staunen verdammt. Denn jedes Mal, wenn man seinen Blick von dem Baum abwendet, hat man ihn auch sogleich vergessen. Und wenn man den Baum wieder betrachtet, ist man stets von neuem erfüllt von Ehrfurcht und Staunen.  Dieser Ort ist kein Ort, denn diesen Ort kann man nicht finden, egal wie sehr man ihn auch sucht. Und wenn man ihn, wie durch ein Wunder, doch gefunden hat, dann lässt er einen niemals wieder ziehen. Auf ewig gefangen in dem Sog des Vergessens und dem Strudel der Erinnerung.