Jenseits des Diesseits

Die Dornenkrone

Die Dornenkrone - Die Krone der schwebenden Steine

»Unstet liegt das Haupt, das eine Krone trägt.«
Sir William Shakespeare, König Heinrich der IV - Teil 2; 3. Akt, 1. Szene - freie Übersetzung

Tief im Weltengebirge, wo die Winde durch enge Schluchten heulen und das Echo ihrer Stimmen über zerklüftete Gipfel hallen, liegt ein Tal, das selbst die erfahrensten Gelehrten der Welt mit Staunen erfüllt. Die Dornenkrone. Diese geheimnisvolle Region des Weltengebirges, hat ihren Namen aufgrund der auffälligen und charakteristischen Struktur der Felsen, die in dieser Region das vorherrschende Bild prägen. Diese eleganten, steinernen Nadeln, welche drohend und erhaben in den Himmel ragen. Beinahe wie die Zacken einer Krone. Hier, zwischen den gewaltigen Felsformationen, schweben gewaltige Monolithen träge in der Luft, als hätten die Alten selbst sie mit unsichtbaren Fäden am Firmament aufgehängt. Manche sind so groß dass kleine Wälder darauf wachsen können, andere kaum größer als eine Faust, doch sie alle teilen dasselbe Mysterium – tief in ihrem Kern verbirgt sich ein Geheimnis, welches auf wundersame Weise mit den Kräften dieser Region in Einklang steht.

Die Zwerge nennen die Gipfel dieser Gebirgsregion auch die Krone der schwebenden Steine. Der größte Berg, der das Zentrum dieser Gebirgsregion bildet und von dem dieses seltsame Naturphänomen der schwebenden Steine auszugehen scheint, ist umgeben von steinernen Pfählen, Nadeln und keilförmigen Felsen, die sowohl um den Gipfel herum angeordnet schweben - wie drohende Totems in der Luft - als auch am Hang der Berge, langsam bis ins Tal herunter verteilt, vorzufinden sind. Manche von ihnen muten fast wie hängende Gärten an, und bilden oft lange Luftwurzeln, welche die Steine untereinander verbinden. Fast, als ob sie eine mächtige Brücke aus steinernen Keilen und langen Wurzeln bilden würden. Die Spitze dieses Berges ist von fünf großen, fast schon symmetrisch angeordneten, Pfeilern aus schroffem und altem Fels umringt. Die Anordnung dieser Steine wirkt selbst in all diesem wundersamen und surrealen Chaos alles andere als natürlich, und dem aufmerksamen Beobachter mag dieser Umstand durchaus auffallen. 

Tatsächlich war dies nicht immer der Fall. Vor vielen hundert Jahren, als die Zwerge sich in dieser Gebirgsregion anzusiedeln begannen, haben sie diese fünf Steinpfeiler mit mächtigen Harpunen beschossen und mit gewaltigen Flaschenzügen an ihre neue Position gezogen und anschließend mit schweren Eisenketten am Gipfel verankert. Nun hängen diese monumentalen Steinriesen, bis in alle Ewigkeit, an diesem Ort gefangen. 

Eine mächtige Zwergenfestung befindet sich ebenso in diesem imposanten Berg, der sogenannte Thron der fünf Könige, der dieser Tage nur noch ein Grabmal und Mahnmal ist, dass an längst vergangene und düstere Zeiten erinnert. Einst wurde die Festung Aur-Arak-Zigil genannt, die Krone der schwebenden Steine. Doch heute kennt man sie nur noch unter dem Namen Karak-Khuz-Nul - das Grab der Könige. 

Doch die Region der Dornenkrone ist eigentlich die Heimat der Jeldaë, den Eisengeborenen. Sie und dieses Land sind eins und untrennbar miteinander verbunden. Und als die Zwerge in ihr Land kamen brachten diese die heilige Ordnung der Dornenkrone und die Harmonie der schwebenden Berge aus dem Gleichgewicht, so dass die Lifen, wie man die Jeldaë auch nennt, gezwungen waren sich der Zwerge anzunehmen...und sie griffen dabei auf sehr radikale Mittel zurück. Und aus diesen Konflikten ist eine uralte Feindschaft zwischen diesen beiden Völkern entstanden, die bis heute in Misstrauen und Abneigung zueinander Bestand hat.

Die Dornenkrone bildet für sich einen abgekapselten Teil vom restlichen Weltengebirge, der sich sowohl durch ein eigenes Ökosystem, als auch über eine besondere Felsbeschaffenheit auszeichnet. Diese Besonderheit ist es, welche den Felsen die Macht verleiht sich in die Lüfte zu erheben und dort stolz und erhaben am Himmel zu levitieren. 

Das Geheimnis der Schwebenden Felsen

Diese Felsen schweben weder durch Zauberei noch hängen sie ein unsichtbaren, seidenen Fäden, sondern durch ein Zusammenspiel der Kräften, die tief in der Erde ruhen. Die Region birgt mineralreichere Adern mit extrem hoher Konzentration an ferromagnetischen Metallen aus dunklem Eisen, Nickel und Kobalt, so dicht verwoben, dass sie ein deutlich stärkeres Magnetfeld, als die natürliche Anziehungskraft Auruns erschaffen. In dieser Region ist der Boden mehr als nur Stein und Eisen – er ist eine unsichtbares Band aus magnetischer Energie, ein Netz aus miteinander verflochtenen Kräften.

Tief im Innern dieser Felsen schlummert ein Mineral, das den Schlüssel zu ihrem Geheimnis birgt. Diese Kristalle sind das Herz dieser Felsen, zart wie Glas und doch von unermesslicher Kraft. Dank dieser Kristalle widersetzen sie sich stoisch der Last der Schwerkraft, wenn sie von den Feldern des ferromagnetischen Bodens beeinflusst werden. Diese Kristalle sind ein sogenannter Supraleiter - ein Material, das die Kraft des Magnetismus nicht nur in sich aufnimmt, sondern sich an dieser festhält, als würde es auf einer unsichtbaren Welle reiten.

So schweben diese uralten Felsen in vollkommener Harmonie mit dem Bode, der sie trägt ohne sie zu berühren. Sie ruhen auf einem Gleichgewicht aus Anziehung und Abstoßung, gefangen in einem ewigen Tanz zwischen Himmel und Erde. Doch wehe, wenn dieses Gleichgewicht gestört wird. Als die Zwerge begannen, diese Kristalle aus den Felsen zu brechen, unterbrachen sie damit auch die Verbindung zur Erde – und so stürzten manche der schwebenden Berge aus den Wolken, rissen tiefe Wunden in den Boden und hinterließen tiefe Narben.

Die Dornenkrone ist ein Ort an dem Wissenschaft und Mystik aufeinandertreffen. Die Luft selbst scheint von einer Kraft erfüllt zu sein, die die Haut zum Kribbeln bringt, als könne man die unsichtbaren Ströme des Magnetfeldes spüren. Manche sagen, dass jene, die lange genug in diesem Land verweilen, selbst eine Veränderung durchleben. Manche zum Guten, doch viele zum Schlechten.

Die Physik der Schwebenden Felsen

Der Boden dieser Region ist reich an schwerem Eisen, Nickel und Kobalt, sowie Selen und natürliche Keramikverbindungen – Metallen, die, eng verwoben im Gestein, ein unglaublich starkes Magnetfeld erzeugen, dessen Wirkung ist überall in der Region zu spüren ist. Metallene Gegenstände wiegen besonders schwer, Kompasse drehen sich rastlos im Kreis und selbst die Luft trägt eine Spannung in sich, als sei sie von einer bedrückenden Schwere erfüllt.

Doch der wahre Schlüssel liegt nicht im Boden allein, sondern in den Felsen selbst. Tief in ihrem Innern schlummern Adern aus Aetherium Hexanid - welches von den Zwergen gemeinhin Draugenstein genannt wird - einem mineralischen Kristall, dessen ungewöhnliche, kantige Struktur ihm eine besondere Eigenschaft verleiht: Draugenstein besteht aus silberhaltigen Graphenstrukturen, Quarz, Bismut und verschiedene Kupferoxide und Eisenverbindungen. Ach Spuren von Neodym oder Lanthan sind in besonders großen Formationen nachweisbar. Sind die Temperatur dieser Kristalle stark genug ab, verlieren sie beinahe jeden Widerstand gegen elektrische Ströme und werden zu einem Supraleiter. In diesem Zustand kann der Felsen sich mit dem Magnetfeld des ferromagnetischen, eisenhaltigen Bodens verankern.

Die meiste Zeit des Jahres herrschen in der Region der Dornenkrone gleichmäßige Temperaturen von zirka zwanzig bis dreißig Grad. Bei diesen Temperaturen verharren die schwebenden Felsen auf ihrem angestammten Platz zwischen Himmel und Erde. Würde man den Draugenstein bei solchen Umgebungstemperaturen berühren, wäre es leicht kühl, mit einer glatten, aber metallisch anmutenden Oberfläche. Zudem könnte man ein leichtes, statisches Kribbeln in den Fingerspitzen fühlen,

Doch wenn der Winter kommt und die eisig, klirrende Kälte durch das Tal streift, beginnt sich das Magneteld zu wandeln. Die supraleitenden Kristalle, tief in der Erde, erwachen aus ihrer Trägheit – sie gleiten in den Zustand absoluter Leitfähigkeit, in dem Widerstand nicht länger existiert und elektrostatische Ströme sich ungehindert ausbreiten. Die silberhaltigen Graphenadern leiten die veränderten Kräfte weiter und je tiefer die Temperaturen sinken, desto mehr nähern sich die Felsen der Erde entgegen. Manche von ihnen sinken sogar so tief, dass sie um Haaresbreite über dem gefrorenen Boden verharren. Die Luft beginnt förmlich zu flirren und statische Entladungen überbrücken die kurze Distanz zwischen dem Boden und den steinernen Monumenten. Knisternde Entladungen zucken auf dieser schmalenLuftbrücke umher, und tauchen das Eis in ein seltsames Licht.

In dieser eisigen Zeit könnte ein Zeuge dieses Schauspiels, der seine Hand auf die schwebenden Felsen legt, eine eigenartige, bissige Kälte spüren. Nicht die klamme Kälte des Winters, sondern ein elektrostatischer und metallischer Frost, der in die Haut zu kriechen scheint und das Blut gefrieren lässt, während die statischen Entladungen die Finger zu versengen scheinen.

Jëldrun - Der entrückte Baum

Dieser gewaltige Baum ist ein uralter und mächtiger Baum. Er hat unzählige Jahrhunderte überdauert und es scheint als ob er schon an diesem Ort war, bevor die Felsen sich in die Lüfte erhoben haben. Wie ein Zeugnis vergangener Tage, als die Welt noch jung und dunkel war. Man könnte annehmen, dass dieser Baum - aufgrund seines Alters und seiner Größe - einer der großen Weltenbäume sein müsste. Doch da dieser Baum keine Verbindung zur Erde hat, ist dieser entrückte Baum völlig isoliert von all den anderen Weltenbäumen. Er ist für sich gesehen vermutlich der wahre Weltenbaum, da er völlig anders ist, als alle anderen der großen, alten Bäume. Entrückt und losgelöst von den Wurzeln der Welt. Ewiglich dazu verdammt zwischen Himmel und Erde zu schweben. 

Für die Jeldaë ist dieser Baum ein besonders heiliger Ort. Es ist der Ahnenbaum, und wenn man zu seinen Füßen steht und dem Rascheln der Blätter - die sanft im Wind wiegen - lauscht, heißt es, man kann die Stimmen derer hören, deren Erbe nicht mehr bewahrt wird. Nur ihr Eisen, dass an den Ästen der Bäume im Wind schaukelt, ist ein stummes und ewiges Zeugnis ihrer verlorenen Ahnenreihe.